Virtuose Beweglichkeit der Stimmen

(RP, 05.12.1999) von Michael Tegethoff

Kettwiger Bach-Ensemble und Heiner Graßt gaben Konzert in der Hamborner Abteikirche

Freude herrschte vor, doch auch die Besinnlichkleit durfte nicht fehlen. Das Konzert in der Hamborner Abteikirche enthielt beides, und mit fantasievollem Programm sowie sorgfältiger Präsentation eignete sich die Chor- und Orgelmusik vorzüglich zur Einstimmung auf den Advent. Das Kettiwger Bach-Ensemble spannte einen Bogen vom Barock bis ins zwanzigste Jahrhundert, und Heiner Graßt lockerte die Vokalmusik durch kurzweilige Orgelintermezzi auf.

Vielfalt der Klangeindrücke

Bei den Chorwerken beeindruckte nicht allein das stilistische Einfühlungsvermögen, sondern vor allem die Vielfalt der Klangeindrücke. Mit kaum mehr als zwanzig Mitgliedern riskierte das Kettiwger Bach-Ensemble sogar die Trennung der eintelnen Stimmgruppen: Der 100. Psalm im doppelchörigen Satz von Heinrich Schütz überzeugte durch seine deutliche Diktion; Frauen- und Männerchöre von Francis Poulenc unterstrichen die stimmlichen Fähigkeiten des Ensembles. Stets zu erkennen waren die erhebliche Leistungsbereitschaft der CHormitglieder und die präzise Arbeit des Ensembleleiters Wolfgang Kläsener. Auf diese Weise ließ sich eine anspruchsvolle Literatur erarbeiten. In den vier Weihnachtsmotetten des Franzosen Francis Poulenc konnten sich deshalb starke Kontrate auftun, wobei der Reiz der geheimnisvollen Ausgangsstimmung nicht geringer ausfiel als die prächtige Steigerung im Finale. Dem Kettwiger Bach-Ensemble gelang es, die verschiedenen Ausdruckswelten beihane ohne jeden Anschein vokaler Schärfe zu erfassen.

Ideale Zielstrebigkeit

Abwechskungsreich wie die Chorvorträge waren auch die Orgelintermezzi. Graßt spielte Nun komm der Heiden Heiland in den drei Fassungen von Bachs Leipziger Chorälen und farbige französiche Weihnachtskompositionen. Die strenge Architektur der Bach-Choräle war im Orgelvortrag beinahe vollkommen vorzufinden, farbig interpretierte Paraphrasen und Variationen lie&stlig;en eine fast ideale Zielstrebigkeit erkennen.

Der eingentliche Höhepunkt des Adventskonzertes war jedoch leicht auszumachen: Es war die Bach-Motette Lobet den Herrn, alle Heiden , die unerhört beschwingt, dabei transparent und präzise vorgestellt wurde. Bei Kerzenschein, nur unterstützt nur von wenigen elektrischen Lichtern, wuchs in der Abteikirche die Begeisterung der Zuhörer. Man verstand, warum dieser leistungsstarke Kammerchor den Leipziger thomaskantor ins Namensschild aufgenommen hatte und bewunderte die virtuese Beweglichkeit der Stimmen sowie die sich selbstverständlich ergebenden ausgewogenen Proportionen. wolfgang Kläsener und das Bach-Ensemble erkannten den Wunsch nach einer Zugabe und stellten ihre Zuhörer mit der Alleluja-Fuge der Bach-Motette zufrieden.


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