Ein Requiem wider die Kinolegende
(NRZ, 8.4.1998) von Klaus Albrecht

Kettwigs Bach Ensemble und der unvollendete Mozart

Wer kennt sie nicht, die schaurig schöne Verfilmung von Milos Formans "Amadeus". Im Fieberwahn diktiert der sterbende Mozart seinem Widersacher Salieri das "Confutatis" der unvollendet gebliebenen Totenmesse in die Feder. Gegen solche Legendenbildung hielt Wolfgang Kläsener mit dem Kettwiger Bach-Ensemble jetzt ein bemerkenswertes Konzert. In der vollbesetzten Kirche von St. Peter brachte er neben der gängigen Vervollständigung des Requiems durch Franz Xaver Süßmayr auch eine weit weniger bekannte Fassung zur Aufführung.
Nach Mozarts Tod beauftragte Witwe Constanze zunächst seinen Schüler Joseph Leopold Eybler mit der Fertigstellung. Der komplettierte den Orchestersatz der Sequenz und wagte sich an die melodische Fortführung des begonnenen "Lacrimosa". Nach zwei Takten brach er jedoch die Arbeit ab und kapitulierte vor der Größe seines Lehrers. In der Tat fallen diese Takte wie ein ungelenker Fremdkörper ab: ein seltenes Hörerlebnis, das in der stillen Verbeugung vor Mozart endet.
Das Kettwiger Bach-Ensemble bestätigte sich dabei als hervorragender Chor von junger, entschlackter Klanglichkeit, in allen Stimmen sicher und präsent bis in die Sopranspitzen, und ebenso zum raumgreifenden, pulsierenden Wohllaut eines Andrea Gabrieli befähigt. Federnd leicht genommene Fugen, rythmische Schärfe und gestrafftes Musizieren ermöglichten wolfgang Kläsener, entschieden zügige Tempi anzuschlagen. Für die lyrischen Anteile hätte er sich freilich mehr gestalterische Zeit nehmen dürfen. Daß demgegenüber die dramatischen strecken zur Geltung kamen, lag nicht zuletzt am tadellosen Kettwiger Kammerorchester, das von Anfang an die Klangfarbe als Kompositionsmittel verdeutlichte. Kultiviert und homogen das Solistenquartett mit Sabine Orthey (Sopran), Sibylle Hummel (Alt), Markus Müller (Tenor) und Christian Dahm (Baß).


home