Variationen variiert

(NRZ, 23.03.2000) von Berthold Klostermann

Jazz

Wuppertal (NRZ). Nun waren sie schon zusammengekommen, die Jazz- und die Klassikfans, und bildeten doch nur ein kleines Häuflein, das sich da just an Johann Sabastian Bachs 315. Geburtstag zur Eröffnung des Bach-Zyklus 2000 in der Wuppertaler Stadthalle einfand. Immerhin gab es eine Welturaufführung zu erleben, die durchaus das Zeug zu einer kleinen Sensation hätte haben können. Der New Yorker Jazz-Avantgardist Uri Caine präsentierte seine sehr spezielle Sicht der "Goldberg-Variationen". Für die Sensation reichte es nicht. Aber für ein anregendes wechselbad mit vielen kleinen Höhepunkten.

Uri Caine hat schon Mahler, Wagner und Schumann verjazzt. Er unterzog die klassischen Vorlagen einem abenteuerlichen Stilmix aus experimentellem Jazz, Folklore, Kaffeehausmusik, Latin und, ja, auch Klassik. Anlässlich des Bachjahres waren jetzt die 30 Variationen des Thomaskantors über eine Aria an den Cembalisten Goldberg an der Reihe.

Sein Ensemble: Außer ihm selbst (Klavier, Cembalo) spielten fünf führende New Yorker Improvisatoren, ein Disc-Jockey und drei Solisten Alter Musik (Block-/ Querflöte, Geige / Bratsche, Gambe); es sangen das Kettwiger Bach-Ensemble (Leitung: Wolfgang Kläsener), der Avantgarde-Vokalist David Moss und die Gospelsängerin Barbara Walker.

Die Aria nahm Caine noch wörtlich und werktreu am Klavier. Dann ging´s ab durch die Stile: Barbershop-Musik und Tango, Klezmer und Calypso, Gospel und Choral, Fuge und freie Improvisation. Wie weit Caine sich dabei an Bach hielt, war nicht immmer nachvollziehbar. Spannend wurde es, wenn sich die Fraktionen mischten: wenn Barbara Walker inbrünstig Gospel-Melismen gegen einen Choral setzte, wozu der unglaubliche Moss frei improvisierte, mit Hecheln, Winseln, Schnauben, als wolle er einen Zeichentrickfilm synchronisieren. Oder wenn DJ Olive zur strengen Fuge für alte Instrumente aberwitzige Sounds aus den Vinylrillen kitzelte. Am ende stand das Knistern einer alten Platte. Freunlicher Beifall. (wieder am 1.4., Bismarck-Saal Köln)


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