Jürgen MeyerKatuuik, An der Biegung des Flusses - Kettwiger Geschichten
Der Alte im Bergfried Raubritterburgen haben schon immer die Phantasie nach folgender Generationen bewegt. Klar, daß sich auch um Schloß Landsberg hoch im Wald des linken Ruhrufers Märchen und Sagen ranken. Zum Beispiel die, daß der Erbauer der Zwingburg ein Bösewicht voller Laster gewesen sein soll, der die Gegend in Angst und Schrecken versetzte. Er überfiel die Kaufleute auf den Wegen zwischen Ratingen, Mülheim und Essen, zwang Sklaven eigenhändig mit der Peitsche zur Fronarbeit beim Burgbau. Wer sich ihm widersetzte, schmachtete im finsteren Verließ der Burg. Keiner hat das Tageslicht wiedergesehen. So die Sage. Mehr oder weniger richtig ist Folgendes aus der Frühzeit der Burg: Der Name wird abgeleitet von dem Eigennamen Lando. Der soll schon um 700 eine Ansiedlung auf dem Berg angelegt haben, da dessen Form sich ausgezeichnet zur Verteidigung eignete - ein breites Plateau, das nach allen Seiten abfällt. Landsberg und Laupendahl wurden 796 zum erstenmal urkundlich im Zuge einer Schenkung eines gewis sen Heinrich an den Werdener Klostergründer Ludger erwähnt. 1184 verlieh Kaiser Barbarossa dem Grafen Engelbert von Berg den Ruhrgau mit der Burg Landsberg. In einer Urkunde von 1291 wird die Burg in ähnlicher Form wie heute beschrieben. 1294 wurde Ritter Philipp von Werden mit Landsberg belehnt.1308 verpflichtete sich Raubritter Wetzel von Landsberg gegen ein Lehen der Stadt Duisburg, zumindest die Kaufleute dieser Stadt bei seinen Raubzügen ungeschoren zu lassen. In den folgenden Jahrhunderten wechselte die Burg ständig die Herrschaft,
war vor allem im Dreißigjährigen Krieg genau wie die Kettwiger Ruhrbrücke stark umkämpft. August Thyssen kam als Selfmademan zu Geld. Als Ruhrpionier ist er nur mit dem großen Alfred Krupp zu vergleichen, der ebenfalls hoch über der Ruhr in Hügel seine "Burg" gebaut hatte. Doch während der Essener auf Kohle aufgewachsen war, kam Thyssen (geboren 1842) aus Eschweiler ins Ruhrgebiet. 1871 hatte er mit der Thyssen KG einen der größten Montankonzerne gegründet. Wie Krupp nannte sich auch Thyssen "erster Arbeiter seines Werkes", ein sparsamer, fast knauseriger Mann, der auf seinem Schloß nur für seine Gäste Glanz entfaltete, selbst aber fast puritanisch lebte. Thyssens Schlafzimmer und Wohnraum, sein einziger Privatbereich, war nicht nur nüchtern wie eine Mönchszelle. Der steinreiche Mann ließ auch die Möbel, um sie zu schonen, ständig mit weißen Nesseltüchern überziehen. Neben Kunstwerken von unschätzbarem Wert erhielt die "Residenz" Landsberg auch etliche Kopien von Meisterwerken. Als Thyssen von Bekannten aufgefordert wurde, diese dem Status des Hauses unwürdigen Dinge doch zu entfernen, lehnte er geradezu entrüstet ab: "Aber die Bilder haben doch auch viel Geld gekostet." Der Unterhalt des Schlosses durfte möglichst wenig kosten. Das gesamte Personal bestand aus vier Personen - der Kutscher inbegriffen. Unzählige Anekdoten ranken sich um den Industrie-Baron und Schloßherrn. Viele in Verbindung mit seinem Diener Anton. Als der sich eines Tages einen neuen Anzug anpassen lassen wollte, löste er damit bei seinem Herrn heftige Kritik aus. "Anton, du solltest doch bei mir gelernt haben, daß man in Zeiten der Hochkonjunktur möglichst wenig kauft. Für Anschaffungen wählt man Depressionszeiten. Da sinken die Preise. Mehr noch - du kannst sie drücken. Wenn du weiterhin so unüberlegt kaufst, wirst du es nie zu etwas bringen." Noch typischer für Thyssen ist diese Geschichte: Aus Sparsamkeit kaufte Thyssen für seinen Diener niemals eine Bahnsteigkarte - er ließ sich die Koffer über die Sperre reichen. Einmal mußte Anton aber mit mehr Gepäck als gewöhnlich mit in den Zug steigen. Der hielt in Mülheim aber nur kurz. Anton war noch im Abteil, als sich der Zug wieder Richtung Duisburg in Bewegung setzte. Ein Kontrolleur war bereits in Sicht, Thyssen hätte für Anton nachlösen müssen er tat es nicht. Eiskalt öffnete er die Abteiltür des an einem Bahnübergang langsamer rollenden Zuges und sagte: "Spring!" Und Anton sprang. Der bereits erwähnte Kutscher durfte Thyssen übrigens immer nur von Landsberg zur Mülheimer Brücke fahren. Dort stieg der Alte aus, ging zu Fuß nach Mülheim rein, um Brückenzoll zu sparen. Aber Thyssen war nicht nur kniepig - er war auch schlagfertig. Bei einem Empfang in Düsseldorf war er vom Regierungspräsidenten zum wiederholten Mal mit "Herr Generaldirektor" angeredet worden. Bis es Thyssen zu bunt wurde: "Herr Präsident, ich bin kein Generaldirektor, ich habe einen Generaldirektor."
Als August Thyssen am 4. April 1926 mit 83 Jahren starb, wurde er auf eigenen Wunsch im 33 Meter hohen Bergfried von Schloß Landsberg beigesetzt - ein Bauwerk so sperrig wie der Schloßherr selbst. Von dem es einen Spruch noch nachzutragen gilt: "Hier stehe ich, ich kann auch anders." Übrigens stimmt es nicht, daß der tote Schloßherr mitternächtlich von Landsberg rüber zum Schloß Hugenpoet geistert, wo es Vorzügliches zu essen gibt. Thyssen als ruheloser Geist? Kaum. Er war ja eigentlich sein Leben lang mit sich im Frieden gewesen und - wie mehrfach erwähnt sparsam. Auch im Essen. Auf seine Geschäftsreisen nahm er ja sogar Butterbrote mit, weil die Restaurants ihm zu teuer waren.
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