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Jürgen Meyer

Katuuik, An der Biegung des Flusses - Kettwiger Geschichten


Die Krupps von Kettwig

Egon Erwin Kisch, der "Rasende Reporter", schrieb in den Zwanziger Jahren eine Reportage mit dem Titel "Essen - das Nest der Kanonenkönige." Wörtlich heißt es darin: "Kr., Kr.-Friedhof, Kr.-Lazarett, Kr.-Verwaltungsgebäude, Kr.-Konsumverein, Kr.-Denkmal, Kr., Kr. und wieder Kr. - das bedeutet nicht "Kreis", nicht "Krieg", nicht "Krone" - das alles bedeutet: "Krupp". Und diese ganze dunkle Stadt und ihre Bewohner und ihr Leben haben nur einen Namen: Friedrich Krupp Gußstahlfabrik."

 Hätte Kisch in jener Zeit Kettwig besucht, hätte er wohl eine Reportage über "Das Nest der Tuchmacherkönige" geschrieben. Denn was Krupp im Großen für Essen gewesen ist, das waren die Scheidts für Kettwig und seine Bewohner als Brotherren und Arbeitgeber. Fleißige Fabrikanten, die rührig ihren Reichtum mehrten und ihre "Liegenschaften", die zu Zeiten Kischs ein Großteil des Städtchens ausmachten.

Stammhaus Scheidt Das alles fing mit einer Erbschaft an, wie es in einer Firmenchronik der Familie Scheidt von 1926 zu lesen ist: "Gottfried Scheidt, Sohn des in Kettwig ansässig gewordenen Lehrers gleichen Namens, erwarb in der Erbteilung von 1681 zunächst das größere der beiden Häuser am Kirchplatz, den Hof von Kettwig. Gottfried trat also als erster der Familie Scheidt in die von einer strengen Zunftordnung beherrschten Verhältnisse des Tuchmachergewerbes ein. Zur Vergrößerung seines Betriebes kaufte er im Jahre 1692 von den Erben seines Schwiegervaters Arnold Hörsters auch das in der Erbteilung erwähnte kleine Haus am Kirchplatz mit dem dazugehörigen Gelände."

Gottfrieds Nachfolger erweiterten mit unternehmerischem Geschick und Fleiß Stück für Stück (oder besser Grundstück für Grundstück) das "Scheidtsche Reich." Wobei nicht die Schwierigkeiten übersehen werden dürfen, mit denen die damaligen "Firmenpioniere" zu kämpfen hatten. Sie erwuchsen durch die schlechten und unsicheren Transportverhältnisse, durch Transit- und Wegezölle, womit die zahlreichen Kleinstaaten den Handel erschwerten, und durch den Zehnten, der dem Abt von Werden zu entrichten war.

Und doch: Die Firma expandierte, lieferte nach Holland, Belgien, ja sogar nach Ostpreußen, Polen, Rußland. Trotz empfindlicher Transitzölle, die Friedrich der Große den "Ausländern" (Kettwig gehörte ja zum "Land" Werden) aufbrummte. Ein Bittgesuch an den preußischen König um Erlass des Zolles wurde mit einem eigenhändig unterschrie benen Dekret vom alten Fritz abgeschmettert.

In schwerer napoleonischer Zeit holte später Gottfried Wilhelm Scheidt, ein Schöngeist und Phantast, den Vetter Johann Wilhelm Scheidt aus Duisburg in die Firma, einen sachlichen "Arbeiter", der versuchte, das Unternehmen auf solide Füße zu stellen.

Verständlich, daß es in dieser "Vetternwirtschaft" bald zu Zerwürfnissen kommen mußte, weil Gottfried Wilhelm mit gewagten Investitionen in neue, noch nicht ausgereifte Maschinen den Bestand der Firma gefährdete. Johann Wilhelm, genannt der "alte Duisburger", erwog die Trennung, die 1821 nach dem Tod von Gottfried Wilhelm mit dessen Erben vollzogen wurde. Der Zugereiste ordnete die Firma Scheidt & Co jetzt neu, wobei er viele Rückschläge hinnehmen mußte. Nichts könnte darüber besser Zeugnis ablegen als ein Gedicht des ansonsten so nüchternen Mannes:

 Das ist der Kampf, das ist das Feld
Allwo ein Streiter und ein Held,
muß ferner leyden Pein und Noth
mit Muth erdulden bis am Tod
So lang uns mit Beständigkeit
ein Opfer der Gerechtigkeit
seyn bis in Tod und Ewigkeit

 Noth - die mußte er aber bald nicht mehr "leyden". Denn mit seinem 1837 frühzeitig als "Mitregenten" eingesetzten Sohn Julius ging's aufwärts "mit Beständigkeit".

Der spätere Geheime Kommerzienrath Julius Erhard Scheidt führte in Kettwig nicht nur die Gasbeleuchtung ein. Sehr schnell war ihm auch ein Licht aufgegangen, was mit der modernen Dampftechnik alles zu bewerkstelligen war: Mehr Rentabiltät bei weniger Arbeitern und bessere Ware - 1838 stellte Julius die erste Dampfmaschine auf.

Alte Ansicht Kettwig Daß er sich auch mit Vehemenz für die Anbindung Kettwigs ans Eisenbahnnetz einsetzte, dabei keine Opfer und keine Mittel scheute, geschah nicht nur aus Menschenfreundlich keit zum Segen der Gemeinde, sondern auch aus Eigennutz, um seine Erzeugnisse besser und schneller aus dem immer noch verkehrsungünstig liegenden kleinen Städtchen raus schaffen zu können.1872 war das Ziel endlich erreicht. Kettwig hatte über die Schiene Verbindung mit Ruhrort und seinem Hafen.

Julius war ohne Zweifel der bedeutendste Kopf in der Familiengeschichte der Scheidt. Ein beredter, auch politisch engagierter und künstlerisch gebildeter Mann, der als Politiker 1847/49 im Frankfurter Rumpfparlament Abgesandter des Kreises Duisburg war. Dort hatte er auch Bismarck kennengelernt, mit dem er bis zu seinem Lebensende (Julius Scheidt starb 1874) befreundet war.

Julius' Sohn, der spätere Kommerzienrath Johann Wilhelm Scheidt, "sprengte" dann alle Grenzen, dehnte die Geschäftsverbindung der Firma vom kleinen Kettwig bis nach Amerika aus. Auf Jahre hinaus waren die USA das Hauptabsatzgebiet der Scheidt, bis 1890 Schutzzölle das Geschäft fast zum Erliegen brachten. Doch die Firma überstand auch das. Genauso wie sie sich von zwei verheerenden Bränden 1880 und 1902 erholte, durch die die Fabrik, auferstanden aus Ruinen, jedesmal neu und hochtechnisiert hervorging und Bestand hatte bis die Scheidts "privatisierten".1962 wurde die Tuchfabrikation eingestellt, 1974 die Spinnerei. Mit der Billigherstellung von Textilien und Stoffen in der dritten Welt hatten die Kettwiger Tuchmacher nicht mehr konkurrieren wollen.

Was blieb in Kettwig von 290 Jahren Scheidt? Eine Unzahl von Bauten, die die Scheidts erworben oder errichtet hatten. Fabrikhallen, Siedlungsanlagen, Arbeiterwohnungen und nicht zuletzt einige hochherrschaftliche Villen, die auch heute noch das Bild der "Stadt der Tuchmacherkönige" prägen . . .

INDEX DER KETTWIGER GESCHICHTEN | JÜRGEN MEYER

 


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