Jürgen MeyerKatuuik, An der Biegung des Flusses - Kettwiger Geschichten
Renitent, aufmüpfig oder nur hochnäsig? Renitent, aufmüpfig oder nur hochnäsig? Neulich traf ich bei einem Spaziergang durch die Altstadt auf der Ruhrstraße einen alten Mann, mit dem ich mich über die Renovierung des Hauses neben dem "Parlament" unterhielt. Der Mann wußte viel Wissenswertes über das alte Kettwig zu erzählen. "Sind sie Kettwiger?" fragte ich ihn. Darauf schlug er in gespieltem Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen. "Um Gotteswillen! Ich bin aus Vorderbrücke. Ich kann die Kettwiger nicht ab. Sie sind alle arrogant." So richtig ernst zu nehmen war das sicher nicht, was der Mann da von sich gab. Er zwinkerte auch verschmitzt. Doch wieder einmal wurde mir klargemacht, daß die Kettwiger als eine "eigene Sorte Mäuse" gelten und galten - über Jahrhunderte hinweg. Wobei mit dem Zuzug von Neuansiedlern "Ur-Kettwiger" so leicht ja nicht mehr auszumachen sind. Es sei denn, daß dir in gewissen Kettwiger Kneipen auch heute noch durch unverhohlene Unfreudlichkeit klarge macht wird, daß "Fremde" eigentlich ja unerwünscht sind. Als ich nach Kettwig zog, sagte mir ein Freund, der damals schon über zehn Jahre hier wohnte: "Mit den Leuten hier kannst du zehn Sack Salz fressen - ein Kettwiger wirst du nie." Sind die Kettwiger aber tatsächlich so unzugänglich, so ungastlich? Nach fast einem Vierteljahrhundert hier kann ich das nicht mehr so unbedingt sagen. Doch eigenwillig sind die Kettwiger - ohne Frage! Woran es liegt? Sie wurden geprägt durch Jahrhunderte ihrer Geschichte. Das Dorf Kettwig als "Anhängsel" der Abtei und des Stiftes Werden versuchte sich schon immer zur Wehr zu setzen gegen die Macht der Äbte. Als dort die Klosterzucht abnahm und die Mönche mehr und mehr "verweichlichten und sich verweltlichten", fand das Gedankengut der Reformation schnell eingang in der sich von Werden vernachlässigt fühlenden Gemeinde. In Essen und Mülheim hatten die Lehren Luthers schon Fuß gefaßt, ehe mit Hermann Kremer 1552 ein Pastor nach Kettwig kam, der "die reformierte Religion in Kettwich eingeführet." Kettwig wurde durch die "Protest-Religion" und die wirtschaftliche Macht der aufstrebenden Tuchmacherindustrie mehr und mehr eigenständig. Das "reichsabteiliche Dorf" war schließlich ja zum gewichtigen Faktor im Werdener Land geworden, stand selbstbewußt auf eigenen Füßen, ließ sich nichts mehr gefallen von "denen da oben in Wadden". Und als Preußen erstarkte, wurden die Kettwiger unter dem Schutz der evangelischen preußischen Könige noch aufmüpfiger. Sie waren zwar weiter "Untertanen" der Äbte, wagten aber immer häufiger aufzumucken, waren im sicheren Gefühl preußischen Schutzes geradezu renitent. So auch, als es von 1729 bis 1754 zwischen Werden und Kettwig einen langwierigen Konflikt gab um Kreissteuern und anteilige Zahlung zur Errichtung eines neuen Galgenbaumes auf dem Hackenberg. Die Kettwiger Bürger wehrten sich heftig gegen ein so verabscheuungswürdiges Geschäft wie den Galgenbau und zahlten nicht. Weder das eine noch das andere - die Steuern nämlich. Der katholische Kaiser wurde von den Katholen in Werden eingeschaltet, Protestant Friedrich der Große von den evangelischen Kettwigern. Werden unternahm eine Strafexpedition, trieb Vieh ab, pfändete jedwede Art von Naturalien. Der große Fritz, von den Kettwigern um Beistand angerufen, hielt sich aber militärisch zurück, drang letztlich auf einen Vergleich, bei dem Kettwig die Hälfte der 5959 Thaler Steuerschuld bezahlen mußte. Der "Schandpfahl", der Galgen, aber wurde mit Landesmitteln errichtet und nicht mit Geldern der "widerspenstigen Unterthanen des Dorffs Kettwig und Consorten." So weit die Uraltgeschichte. Daß sich der Ruf der "widerborstigen" Kettwiger bis heute gehalten hat, wurde mir, wieder einmal, von dem alten Mann auf der Ruhrstraße deutlich gemacht. "Die Kettwiger blickten von ihrem Kirchhügel immer hochnäsig herunter auf das arbeitende Volk auf der anderen Seite des Flusses," hatte der Alte gesagt. Ob da nicht doch etwas dran war? Denn scherzhaft abfällig redeten die Kettwiger ja immer schon über die Nachbarn. Die Werdener - das waren für sie die "Waddischen Plärrmüs" (schwatzhafte Mäuse). Die Leute aus Vorderbrücke verspottete man als die "Berschener Kreher" (Kräher, eine bergische Hühnerart, deren Hähne sich heftig aufkröpften und besonders laut krähten). Die Ratinger waren in den Augen der Kettwiger wenig gastfreundlich und wurden abfällig als "Ratinger Dumenklemmer" bezeichnet. Die Sage erzählt, daß um 710 die Ratinger dem Heiligen Suitbert, der sie zum Christentum bekehren wollte, das Stadttor vor der Nase zugeschlagen und ihm dabei den Daumen eingeklemmt hatten. Als "ewigliches Sühnemal" kommen seitdem die Ratinger mit einem platten Daumen zur Welt. Für die Mülheimer hatten die Kettwiger diesen Spruch parat: "Möllm bovenaan - schmietse ene Ruhr un lotse driewen." Was Kettwiger über die Essener denken? Da erübrigt sich für sie jedes Wort. Auf eine diesbezügliche Frage verziehen sie nur abfällig die Mundwinkel . . . |