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   Dienstag, 07. September 2010   01:29:18Uhr       3 User online


Jürgen Meyer

Kettwig op der Ruhr


Vorderbrücker Odyssee

 8. Januar 1994. Ich sitze Meta Harf in ihrem Wohnzimmer gegenüber. Sie hat ihren Stock, den man mit 91 Jahren ja von Zeit zu Zeit schon benötigt, wie zum Selbstschutz quer über ihren Sessel geschoben. Noch ist da eine Grenze zwischen der temperamentvollen alten Dame und mir, so wie früher der Jordan - die Ruhr - eine Grenze war zwischen den Vorderbrücker Juden und Kettwig.

Meta Harf schiebt mir ein vergilbtes Foto rüber, die Lupe gleich mit - ein Bild der Kettwiger Brücke so zirka 1910. Kinder stehen im Vordergrund aufgereiht. "Das bin ich," sagt die alte Frau und zeigt auf ein hübsches Mädchen, die kleine Meta Seligmann, Tochter von Bernhard Seligmann, Viehzüchter aus der Ruhraue.

 Links auf dem Bild sieht man das Häuschen des Brückenwärters Omansiek, der zwei Pfennig Brückengeld pro Kind kassieren mußte, das über den "Jordan" wollte. "Der Omansiek war so ein Zwerg," erinnert sich Meta Harf heute. "Wir haben ihn oft gehänselt und versucht, ihn auszutricksen, indem wir hinter einem Fuhrwerk versteckt über die Brücke huschten."

Kinderspiele. Die aggressiver wurden, wenn sich jüdische Kinder von Vorderbrücke und Kettwiger Halbwüchsige über den Fluß hinweg beschimpften, auch mit Steinen bewarfen. Aggressivität ist in solchem Alter nicht außergewöhnlich. Doch hier schwang mehr mit. Meta bekam es zu spüren, als sie nach Kettwig zur Realschule wechselte. Wegen ihr, der Jüdin, konnten am Samstag, dem Sabbat, keine schriftlichen Arbeiten geschrieben werden. Was zu Wutausbrücken des Lehrers führte: "Arbeiten dürft ihr nicht, aber fressen."

Antisemitismus zur Kaiserzeit - wieviel schlimmer sollte es noch kommen! Zuerst aber - Liebe, Heirat, Geburt des Sohnes.

Bei einem Fest in Wickrath bei Rheydt lernt Meta Seligmann den Kaufmann Gustav Harf kennen. "Es war Liebe auf den ersten Blick. Vier Tage später haben wir uns verlobt." 1931 wird Sohn Hans-Hermann geboren - hinein in eine schlimme Zeit.

Die Nazis marschieren. Nach der Machtübernahme werden Juden, nicht zum erstenmal in Deutschland, schikaniert, drangsaliert, letztlich deportiert. Am 10. Dezember 1941 wird auch Meta Harf, die inzwischen in Wickrath lebt, mit Ehemann Gustav und dem zehnjährigen Hans Hermann abgeholt und zur Sammelstelle auf dem Schlachthof in Düsseldorf gebracht.

 Vier Tage dauert der Transport ins Ghetto Riga. Gleich nach der Ankunft dort werden die Menschen von einem Kölner Arzt aussortiert wie Vieh. Die Arbeitsfähigen kommen ins Lager, Kranke und Alte werden sofort zum Hochwald getrieben vor die Gewehre der Erschießungs-Kommandos - die Gräber sind schon ausgehoben.

Meta Harf heute: "Man hatte zuvor schon die lettischen Juden exekutiert, um Platz für uns Neuankömmlinge zu schaffen. Bis Mai gingen wir im Lager über gefrorenes Blut."

 Gustav Harf arbeitet am Hafen, Meta muß Wäsche waschen, blutdurchtränkte Uniformen von gefallenen Soldaten der Ostfront flicken. Depression, Hunger, Hoffnungslosigkeit bestimmen den Ghetto-Alltag. Aus Verzweiflung stiehlt Meta von einem Truppen-Waggon Kartoffeln, wird dabei erwischt, steht schon vor dem Galgen und wird zu Dunkelhaft "begnadigt". Eine Woche muß sie stehend in einem kalten Keller büßen.

Dann gelingt ihr, ein Lebenszeichen an ihre Mutter Ridda zu senden, die in der Vorderbrücker Juden-Sammelstelle neben dem "Ruhrschlößchen" einquartiert ist. Per Zufall hat Meta in Riga den Soldaten Franz Jancak aus Kettwig getroffen. Ein paar Tage später bekommt er Heimat-Urlaub, nimmt einen Brief von Meta an die Mutter mit. Als Meta Harf das jetzt erzählt, wird ihre Stimme brüchig, schimmern ihre Augen feucht. "Meine Mutter, die ja selbst nichts mehr besaß, hatte Franz einen Brief und ein Päckchen für uns und den Jungen mitgegeben. Eine Tüte Graupen, Zucker, eine Rolle Bonbons."

 Das letzte Lebenszeichen! Franz Jancak geht Meta fortan aus dem Weg. Er hat Angst, daß ihm irgendwann rausrutscht, was er in Kettwig erfahren hatte. Daß Metas Mutter nämlich den Termin des Abtransports nach Theresienstadt schon wußte, ihn im letzten Brief an ihre Tochter aber verschwiegen hatte.

 Ridda Seligmann hat den Holocaust nicht überlebt. Anders Meta, ihr Mann, ihr Sohn. Die drei werden nach Hamburg geschafft, in Fuhlsbüttel dann getrennt. Meta verschlägt es nach Kiel, Mann und Sohn kommen nach Bergen-Belsen. Die Frau wird von einem dänischen Rotkreuz Kommando befreit, Ehemann Gustav und Sohn Hans-Hermann von englischen Soldaten, die Bergen-Belsen stürmen.

Die Familien-Zusammenführung findet in Schweden statt. Dorthin hat es Meta verschlagen. Von einem polnischen Juden erfährt sie: "Ich habe deinen Mann und deinen Sohn in Bergen-Belsen gesehen. Sie leben."

Ihr gelingt es, über den schwedischen Rundfunk eine Meldung nach Deutschland zu übermitteln. "Meta Harf sucht ihren Mann in Bergen-Belsen." Ein englischer Offizier fängt die Nachricht auf. Mit allen möglichen Tricks geIangen Gustav Harf und sein Sohn nach Schweden, wo Meta eines Tages vom Lagerführer ans Telefon gerufen wird. Dort hört sie die Männerstimme: "Rate mal, wer hier ist?" Sie schreit auf, fragt überstürzt: "Und wo ist der Junge?" Darauf ihr Mann: "Er steht neben mir."

Das glückliche Ende einer Odyssee. Noch nicht ganz. Fünf Wochen dauert die Quarantäne für Mann und Sohn, ehe sich die drei in die Arme sinken. Fünf Jahre dauert es bis zur Rückkehr. Die Harfs, die in Schweden im Hotelgewerbe arbeiten, überlegen bereits, die schwedische Staatsangehörigkeit anzunehmen oder nach Amerika auszuwandern, ehe sie einen Besuch in Kettwig machen. Das Haus der Eltern gehört jetzt ihnen. Es war nicht verkauft, nur von den Nazis beschlagnahmt worden. Über die englische Militärregierung bekommen die Harfs 1951 ihr Eigentum zurück. In Kettwig, bezeichnenderweise mitten auf der Brücke, trifft Meta Harf auch Franz Jancak wieder, dem sie in Freundschaft verbunden bleibt.

1976 stirbt Gustav Harf. Meta und ihr Sohn aber leben immer noch in dem Haus in Vorderbrücke. Hans-Hermann Harf, pensionierter Bankkaufmann, kümmert sich um die Pflege jüdischer Friedhöfe.

INDEX DER KETTWIGER GESCHICHTEN JÜRGEN MEYER

 


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