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   Dienstag, 07. September 2010   01:18:30Uhr       4 User online


Jürgen Meyer

Kettwig op der Ruhr


Der Traum von der blauen Blume

Kornblume und Walderdbeere, Forelle und Krebs im sprudelnden Rutherbach - der Kettwiger Autor Erich Bockemühl erinnerte sich Anfang der Sechziger Jahre in einem Aufsatz daran, wie es um die Jahrhundertwende an der Pierburg ausgesehen hatte, als er dort seine Jugend verbrachte. Sein Vater war Lehrer der Pierburger Schule, Erich und seine Geschwister stromerten durch Wälder und Felder des Bauernlandes am Rande der Essener und Mülheimer Industrie, auf die der junge Bockemühl von seinem grünen Hügel der Meisenburg ängstlich herabblickte.

Schon 1960 war vieles anders geworden. Schon da verbauten die hohen Hecken um die Villen an der Pierburg so Bockemühl - den freien Blick ins Werdener Land. Wie würde Bockemühl jammern, müßte er heute mitansehen, wie sich Kettwig Nord mit Wohn- und Gewerbegebiet immer weiter vorfrißt in Richtung Essen.

 Nostalgie? Gefühlsduselei? Es darf erlaubt sein, sich vorzustellen, wie es noch sein könnte, wenn...

Die Zeit bleibt nicht stehen, schon Bockemühl hatte es 1960 erfahren müssen. Doch Erinnerungen darf man nachhängen. Bockemühl damals wörtlich:

 "Es ist vieles nicht mehr, was einst schön in Liebe war. Die idyllische Ruthermühle am rauschenden Bach steht noch wie einst, als wir dort mit der Schiebekarre oder im Winter mit einer Rodelfahrt Mais und Kleie für die Hühner holten. Nur ist der Teich zum Teil zur Wiese geworden und verschlammt, Forellen gibt es nicht mehr in dem Bach und auch keine Krebse, von denen wir uns gelegentlich um der Wissenschaft willen pieken ließen. Und vergangen und nur noch grün sind die einstmals bunten Blumenwiesen mit dem Gegaukel aller Arten von Schmetterlingen. Und die Kornblumen und die bescheidene zarte Kornrade zwischen den Ähren? Mit ihnen ist eine Zeit dahingeschwunden, die nicht mehr wiederkommt. Wenn die Mutter am Mittagstisch meinte, daß es, wenn wir Jungen die nötigen Waldbeeren besorgen würden, am Abend Waldbeerpfannkuchen gäbe, dann war das eine leicht zu erfüllende Aufgabe. Denn es gab Wald-, Him- und Brombeeren in Fülle, wie denn überhaupt der jetzige Stadtwald reich an Früchten aller Art war...

 Der Stadtwald heute? Wie nach einem Bombenangriff sieht er aus. Kaum vorstellbar, daß der ausgedünnte Baumbestand, daß die von Traktoren umgepflügten Wege jemals wieder einen wirklichen Wald darstellen könnten.

 Denn wer so fahrlässig umgeht mit der Natur wie die Fällkommandos an der Meisenburgstraße, die durch Kahlschlag den Blick aufs neue Gewerbegebiet freiholzten, dem muß man noch Schlimmeres zutrauen.

 Wehren wir uns dagegen!

INDEX DER KETTWIGER GESCHICHTEN JÜRGEN MEYER

 


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